Germersheim und seine internationalen Beziehungen

Wer in Germersheim von "internationalen Beziehungen" spricht, assoziiert fast automatisch den seit mehr als 50 Jahren hier ansässigen Fachbereich Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft der Universität Mainz. Hier allerdings soll die Rede sein von den europa-, ja sogar weltweiten Außenhandelsbeziehungen der Germersheimer Industrie. Die Kreisstadt ist Mittelzentrum mit rund 22.000 Einwohnern. Ein Großteil der über 10.000 Arbeitsplätze entfällt auf Industrie, Handel und Gewerbe.

Beginnen wir beim "dienstältesten" Germersheimer Industriebetrieb, den 1946 gegründeten Gumasol-Werken Dr. Mayer. Hauptprodukt der Gummi-Mayer-Tochter sind Vollgummi-Reifen, die unter dem Markennamen "Softy" verkauft werden. Neben dem deutschen Markt sind es vor allem die west- und südeuropäischen Länder, gefolgt von Skandinavien und Südosteuropa, in die exportiert wird. Ziel des Unternehmens, das knapp ein Fünftel seiner Produktion für den Export herstellt, ist es, auch mit Osteuropa und Ländern in Übersee verstärkt ins Geschäft zu kommen.

Vielfältige Auslandsbeziehungen unterhält auch die Nolte-Gruppe mit ihren vier eigenständigen Unternehmensbereichen. Stolze 27 Prozent Exportanteil weist der Bereich Möbel mit Sitz in Germersheim auf. Vom Jahresumsatz von 117 Millionen Euro werden 32 Millionen durch den Außenhandel erwirtschaftet. Die Niederlande, Österreich, Belgien, Großbritannien, Frankreich und die Schweiz sind die Hauptexportländer. Zu den zahlreichen weiteren Abnehmerländern gehört auch Saudi-Arabien. Verbindungen nach Südeuropa, vor allem Italien, unterhält die Spedition Reber, ebenfalls ein Unternehmen der Nolte-Gruppe.

Unser Gang durch die Germersheimer "Industrieszene" führt weiter, mitten hinein ins prosperierende Industrie- und Gewerbegebiet der Stadt, rund um den 60 Hektar großen Rheinhafen. Hier stoßen wir auf die Anfang der 70er Jahre gegründeten Produktionsbetriebe Stone Europa Carton und Heye-Glas, beides Zweigwerke international bedeutender Unternehmen. Stone Europa Carton zählt zur Spitzengruppe der europäischen Wellpappen-Hersteller. Das Werk Germersheim ist eine von 15 über ganz Deutschland verteilten Niederlassungen und übernimmt wegen seiner Grenznähe vor allem den Export nach Frankreich.

Ebenfalls zu den Spitzenanbietern ihrer Branche zählt die Glasfabrik Hermann Heye. Auch diesem Produktionsbetrieb kommt am Standort Germersheim die grenznahe Lage zugute. Von hier aus werden Bier-, Wein- und Sektflaschen in die Anrainerstaaten Frankreich und Benelux exportiert. Pro Jahr produziert das Unternehmen zwei Milliarden Behälterglas-Einheiten in seinen zwei Niederlassungen im niedersächsischen Obernkirchen und in Germersheim. Davon wird rund ein Viertel ausgeführt.

Nur knapp einen Kilometer weiter wurde am 27. September 1991 das GLC der DaimlerChrysler AG eröffnet. Hinter dem nüchternen Kürzel - es bedeutet Global Logistics Center - verbirgt sich das weltweit größte Ersatzteillager eines Automobilkonzerns. Auch die Tatsache, daß die meisten Verfahrensabläufe in diesem Logistikzentrum der Superlative EDV-gesteuert sind, dürfte international ohne Beispiel sein. Mehr als 300.000 Einzelposten werden hier bevorratet und bei Bedarf an Mercedes-Kunden in aller Welt ausgeliefert. 35 Versorgungslager und 130 nationale Generalvertretungen rund um den Globus werden so mit Pkw- und Lkw-Ersatzteilen versorgt. Wichtigste Exportländer sind Frankreich, die USA, Großbritannien, Italien und Japan. Mehr als 50 Prozent der Teile, die das GLC verlassen, gehen ins Ausland.

Waren ganz anderer Art werden vom deutschen Zentralversand der Firma Yves Rocher ausgeliefert: Das französische Kosmetik-Unternehmen nimmt auch hierzulande eine führende Position als Kosmetikversand ein. Von dem in Germersheim ansässigen Zentralversand werden jährlich drei Millionen Kundinnen in ganz Deutschland beliefert. In den Auslandsbeziehungen der hiesigen Niederlassung spielt natürlich der Import die entscheidende Rolle: aus Fabrikationswerken in Irland, Luxemburg und Frankreich werden die Kosmetika eingeführt.

Als letzter Produktionsbetrieb sei noch die Stelcon AG genannt, die seit mehr als 20 Jahren in ihrem Zweigwerk Germersheim Industriebodenbeläge produziert und von hier aus vor allem den süddeutschen Raum und Österreich beliefert.

Im Großhandelsbereich ist die Firma Robert Neudeck GmbH & Co, die sich auf Holzplatten aller Art spezialisiert hat, tätig. Zwei Drittel der sogenannten Holz-Halbfertigwaren importiert das Unternehmen aus dem Ausland. Die Hauptlieferanten sind Skandinavien, Osteuropa, Südostasien sowie Nord- und Südamerika.

Diese - keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebende - "Rundreise" weist Germersheim als potenten und zukunftsträchtigen Wirtschaftsstandort im Herzen Europas aus.

Klaus Raithel